Deindustrialisierung Deutschlands

In Deutschland findet eine schleichende Deindustrialisierung statt. Die Ursachen sind vielfältig, können inzwischen aber nicht mehr einfach nur als "normaler Strukturwandel" abgetan werden. Energiemangel, stark steigende Energiepreise und die CO2-Bepreisung sind wesentliche Ursachen. Hinzu kommen zunehmende Lieferketten- bzw. Beschaffungsprobleme, eine erdrückende EU-Regulierung, eine ausufernde Bürokratie, die Lohnkosten-Entwicklung, der fahrlässig provozierte Fachkräftemangel, sowie hohe Steuern und Abgaben. Die vielfach selektiv den Standort Deutschland (bzw. Europa) betreffenden politischen Restriktionen lassen sich nicht mehr wirklich in überzeugender Weise umweltpolitisch begründen, da beispielsweise durch Produktionsverlagerungen die Emissionen oftmals sogar deutlich zunehmen. Die folgende, zwangsläufig lückenhafte Dokumentation zeigt exemplarisch das Ausmaß der beginnenden Deindustrialisierung Deutschlands.

 

Corona-Lockdown und Energiepreise

Brauerei Bischoff fährt nach Insolvenz die Produktion herunter

(18.08.2022) Die finanziellen Reserven der Privatbrauerei Bischoff in Winnweiler in Rheinland-Pfalz sind ausgeschöpft, das Eigenverwaltungsverfahren gescheitert - jetzt läuft laut "Focus" das Insolvenzverfahren. Laut Mitteilung der Brauerei fährt die Belegschaft daher bereits die Produktions-Anlagen kontrolliert herunter. Der geschäftsführende Gesellschafter Sven Bischoff nennt als Ursachen für die Insolvenz unter anderem den Corona-Lockdown in der Gastronomie und die gestiegenen Energiepreise. Außerdem konnte die Brauerei aufgrund einer defekten Ammoniakleitung für die Kühlung nicht die Menge an Bier produzieren, die entsprechend der eigentlichen Aufträge möglich gewesen wäre. So sei der Betrieb laut Bischoff nicht mehr kostendeckend gewesen. Betroffen sind rund 40 Mitarbeiter (Focus 18.08.2022).

Betriebsaufgabe, Gründe: · Energiepreise · Sonstiges, Anz. betroffene Arbeitsplätze: 40

 

Arbeitsplatzverluste

Sanktionspolitik führt bei Anlagenbauer Linde zu Arbeitsplatzverlusten

(29.07.2022) In der Anlagenbau-Sparte von Linde droht nach dem Rückzug aus Russland ein massiver Stellenabbau. Infolge der Sanktionen im Zuge des Ukrainekriegs sind dem Unternehmen milliardenschwere, lukrative Großaufträge weggebrochen. Besonders betroffen sind die Großaufträge zum Bau von Flüssiggasanlagen und Anlagen zur weiteren Verarbeitung von Erdgas für Gazprom. Mit den Russland-Aufträgen wäre der Standort Pullach vor den Toren Münchens auf Jahre ausgelastet gewesen, schreibt das Handelsblatt. Jetzt sei der Abbau von 400 bis 500 Arbeitsplätzen geplant. Linde beschäftigt im Anlagenbau in Pullach gut 2.000 Menschen. Aufträge aus Russland machten zwei Drittel des Auftragsbestandes der Sparte aus. Der Vorstand geht wohl davon aus, dass ein Drittel unwiederbringlich verloren ist (Handelsblatt 15.07.2022).

Produktionseinschränkung, Gründe: · Außenpolitik/Sanktionen, Anz. betroffene Arbeitsplätze: 450

 

Steigende Energie- und Rohstoffpreise

Metallveredler ROT Rickert Oberflächentechnik musste Nickel-Anlage abschalten

(26.07.2022) Aufgrund von steigenden Energie- und Rohstoffpreisen musste das Unternehmen ROT Rickert Oberflächentechnik in Norderstedt bei Hamburg seine Nickel-Anlage außer Betrieb nehmen. In der Anlage wurden Metallbauteile in Nickelbädern veredelt. Seit März 2022 ist das chemische Nickelbecken außer Betrieb. "Leider kann ich das im Moment nicht anbieten", sagte Firmeninhaber Sönke Rickert dem Norddeutschen Rundfunk (NDR). "Das Bad wird bei 90 Grad Celsius geheizt. Da der Strompreis im Moment so immens gestiegen ist, ist es nicht rentabel für mich, dieses Bad weiter wirtschaftlich zu betreiben." Hinzukommen die hohen Kosten für Nickel. Das Schwermetall ist laut Rickert in den vergangenen zwei Jahren 400 Prozent teurer geworden. Der Stillstand der Nickel-Anlage bedeutet für den Firmeninhaber nach eigenen Angaben einen Verlust von 8.000 bis 9.000 Euro pro Monat. Das auf seine Kunden umzulegen, komme nicht in Frage. "Ich kann den Kunden jetzt nicht sagen, dass was vorher 50 Euro gekostet hat, jetzt 200 Euro kostet. Das macht keiner mit." Also steht das Becken still. Die Geschäfte des Familienunternehmens liefen immer gut. Aufgrund der Corona-Politik und der aktuellen Energie- und Rohstoff-Krise wird es aber immer schwieriger. Auch der Arbeitgeberverband Nordmetall sorgt sich laut NDR um die Zukunft der Unternehmen in der Metall- und Elektroindustrie, so Sprecher Alexander Luckow. Der Verband vertritt in Schleswig-Holstein rund 80 Betriebe mit 32.000 Mitarbeitern. Vor allem kleine und mittlere Betriebe hätten es schwer: "Wenn da bestimmte Dinge ausfallen, dann steht ganz schnell der Betrieb still und die Kosten bleiben natürlich trotzdem sehr hoch". Sorgen bereiten auch die hohen Lohnforderungen der IG Metall aufgrund der Inflation. Für den ein oder anderen Betrieb werde es dann ganz schön schwierig werden, die Standorte in Deutschland halten zu können (NDR 23.07.2022).

Produktionseinschränkung, Gründe: · Energiepreise · Lieferketten/Beschaffung · Lohnkosten

 

Strom- und Gaspreise

DMV Deutsche Metallveredelung GmbH ist insolvent

(19.07.2022) Die DMV Deutsche Metallveredelung GmbH in Lennestadt ist insolvent. Knapp 100 Beschäftigte verlieren ihren Arbeitsplatz. Das energieintensive Unternehmen hatte zuletzt insbesondere unter den immens steigenden Kosten für Strom und Gas gelitten. In der aktuellen geopolitischen Lage war keiner der potentiellen Investoren bereit, das mit einem Erwerb der DMV verbundene Risiko einzugehen. Daher blieb trotz intensiver Bemühungen aller Beteiligten nichts anderes übrig, als den Geschäftsbetrieb einzustellen und sämtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu kündigen.“ Ein Grund für die endgültige Insolvenz sind also die enorm gestiegenen Energiekosten. Das Traditionsunternehmen hatte sich in der über 50-jährigen Firmengeschichte zu einem der führenden Spezialisten in Süd-Westfalen in der Oberflächenveredlung von Metallen entwickelt, schreibt der "Südkurier". Zunächst am Standort in Grevenbrück und seit 2018 zusätzlich am Standort im Industriegebiet Theten. Die Produktion wurde größtenteils nach Theten verlagert, hier verfügt die DMV über moderne Anlagen zur Gummierung und Beschichtung (SauerlandKurier 10.07.2022, Tichys Einblick 19.07.2022).

Betriebsaufgabe, Gründe: · Energiepreise, Anz. betroffene Arbeitsplätze: 100

 

Familienunternehmen droht das Aus

Trimet hat Aluminiumproduktion wegen hohen Strompreisen massiv gedrosselt

(17.07.2022) In Essen steht die Produktion des Aluminium-Herstellers Trimet wegen der Energiekrise fast still. Aus der Not heraus verkauft der Aluminium-Hersteller stattdessen seinen Strom. Der größte deutsche Aluminiumhersteller, das Familienunternehmen Trimet mit Standorten in Nordrhein-Westfalen (Essen, Voerde) und Hamburg ist von der Energiekrise massiv betroffen. Das Unternehmen fährt seit Herbst 2021 die Produktion massiv herunter. Ohne die Produktions-Drosselung könnte Trimet die Stromkosten nicht mehr begleichen. Denn mit dem Anstieg der Gaspreise sind die Strompreise gestiegen. Die Firma Trimet produziert Primäraluminium, auch Hüttenaluminium genannt. Bei den aktuellen Strompreisen rentiert sich die Produktion für das Unternehmen aber schlichtweg nicht mehr. Für eine Tonne Aluminium müssen laut quer mehr als 5.000 Euro Strom investiert werden. Der aktuelle Aluminiumpreis an der Börse (Stand: 15. Juli 2022) liegt mit 2,33 Euro pro Kilogramm jedoch auf einem Jahrestief. Der Verkaufspreis von 2.330 Euro trägt die Stromkosten also bei weitem nicht. Dabei sind darin noch nicht einmal Materialkosten oder Lohnkosten der rund 2.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und weitere Kosten eingerechnet. Neuaufträge nimmt die Firma deswegen derzeit nicht mehr an. Sollten demnächst die Gaslieferungen ganz ausbleiben, wäre das der Super-Gau, so Trimet-Chef Philipp Schlüter. Dann müsste der Traditionsbetrieb seine Werke komplett schließen. Bekanntlich ist Gas für die Aluminiumherstellung unverzichtbar. Und im Winter könnte Energie selbst zu Höchstpreisen nicht mehr uneingeschränkt verfügbar sein. Trimet fährt nun die Produktion zurück und verkauft den dadurch eingesparten Strom mit Gewinn weiter. Das Unternehmen verkauft derzeit den schon zu günstigen Preisen kontrahierten Strom weiter. Wenn Kunden ihre Bestellung jetzt stornieren, ist das ein Profitgeschäft für Trimet, so Ruhr24. Sie können dann den Strom für den weggefallenen Auftrag zu einem Vielfachen des ursprünglichen Preises wieder verkaufen. So lohnt es sich mehr, dass die Produktion stillsteht, statt dem eigentlichen Kerngeschäft nachzugehen. Diese Lösung hat allerdings ein näherrückendes Ablaufdatum. Nämlich dann, wenn alle Altaufträge abgebaut sind. Laut "Frankfurter Allgemeine hat die Energiekrise somit absurde Folgen: "Deutschlands größte Aluminiumhütte verkauft jetzt lieber ihren Strom als ihr Leichtmetall." Dabei fehle es nicht an Nachfrage nach ihren Produkten (TRIMET Aluminium SE 15.07.2021, Tichys Einblick 11.07.2022, FAZ 11.07.2022, Ruhr24 17.07.2022).

Produktionseinschränkung, Gründe: · Energiemangel · Energiepreise, Anz. betroffene Arbeitsplätze: 2.400

 

Türkei statt Saarland

Fliesenhersteller Villeroy & Boch schließt sein Werk in Merzig

(05.07.2022) Der Fliesenhersteller Villeroy & Boch (V&B) wird sein Werk in Merzig schließen. Das Unternehmen führt als Gründe „extrem hohe Kosten für Energie, Transporte, Verpackung und Rohstoffe“ sowie „das hohe Lohnniveau in Deutschland“ an. Das mache die Produktion von Fliesen hierzulande „wirtschaftlich unattraktiv“. Die Produktion soll noch in diesem Jahr auslaufen und ins türkische Stammwerk der Eczacibasi-Gruppe verlagert werden. Ihr gehört seit 2007 mehrheitlich die V&B Fliesen GmbH, die getrennt vom Mettlacher Keramikhersteller, der V&B AG, arbeitet. Vertrieb, Marketing und Verwaltung sollen in Merzig verbleiben. Die Logistik wird ins rheinland-pfälzische Polch in der Nähe von Koblenz verlagert (Bild 05.07.2022).

Produktionsverlagerung, Gründe: · Energiepreise · Lieferketten/Beschaffung · Lohnkosten, Anz. betroffene Arbeitsplätze: 200

 

Lohnkosten, Klimapolitik, Corona-Maßnahmen, Chip-Mangel

Ford verlagert Produktion vom Saarland nach Spanien

(23.06.2022) Am 22. Juni 2022 haben die Ford-Werke bekannt gegeben, das ein neues Elektroauto nicht am Standort Saarland, sondern im spanischen Valencia produziert wird. Eine detaillierte Analyse habe deutliche Vorteile für den Standort in Spanien ergeben: Mehr Flexibilität, Produktivität und niedrigere Arbeitskosten. „Saarlouis zeichnete sich durch beste Lage und logistische Vielseitigkeit zur Belieferung des europäischen Marktes aus. Diese Umstände wurden jedoch von den übrigen Vorteilen der spanischen Industrie weit übertroffen“, heißt es in einem spanischen Medienbericht. Spanien ist nach Deutschland das zweitwichtigste Pkw-Produktionsland Europas. VW, Mercedes, Renault, Stellantis (Citroen, Opel, Peugot) und auch Ford produzieren in Spanien, wo die Lohnkosten ein Drittel günstiger sind als in Deutschland. Die Automobilindustrie steht u.a. wegen der Klimapolitik unter Druck. "Sie muss zudem Absatzkrisen verdauen, die durch Corona-Mobilitätsbeschränkungen ausgelöst wurden. Hinzu kommt der Mikrochip-Mangel, der immer wieder die Fließbänder zum Stillstand bringt", so der "General-Anzeiger". Das führte zu einem „brutalen Bietergefecht“ zwischen den Ford-Standorten Saarlouis und Valencia. Dabei ging es um „die Verringerung der Lohnkosten, die Verlängerung der täglichen Arbeitszeit und eine Erhöhung der Arbeitstage pro Jahr“, also um eine Kürzung des Urlaubsanspruchs. Am Ende verlohr der Standort im Saarland. Betroffen von dieser Entscheidung sind über 4.600 Mitarbeiter im Hauptwerk Saarlouis und rund 2000 Beschäftigte der ansässigen Zulieferfirmen rundherum. Wie es für sie und ihre Familien nun weiter gehen wird, ist ungewiss. Die Autoproduktion in Saarlouis gilt nur bis 2025 als gesichert, bis dahin soll die Herstellung des Verbrenner-Modells Ford Focus auslaufen (General-Anzeiger 20.01.2022, NewsTrier 23.06.2022, SR 23.06.2022).

Produktionsverlagerung, Gründe: · Klimapolitik/CO2-Preis · Lieferketten/Beschaffung · Lohnkosten · Sonstiges, Anz. betroffene Arbeitsplätze: 6.600

 

Dekarbonisierung der Wirtschaft

Waelzholz droht Verlust der Wettbewerbsfähigkeit aufgrund steigender CO2-Preise

(14.06.2022) Der Chef des Stahlveredlers Waelzholz, Hans-Toni Junius, warnt: Strenge deutsche Klimagesetze könnten dazu führen, dass mehr Produktion nach Polen oder China verlagert wird – nicht zu weniger Treibhausgasen. Das neue Brennstoffemissionsgesetz führe bei dem energieintenisven Stahlveredler zu Zusatzkosten, denen man nicht ausweichen könne. Als Stahlverarbeiter in Deutschland müsse man aber "den Wandel betreiben. Noch aber können wir keinen grünen Wasserstoff von unseren Versorgern beziehen", so Junius. Im Jahr 2022 würden wegen des festgelegten Preises für CO2 von 25 Euro je Tonne Zusatzkosten von 1,5 Millionen Euro anfallen. "In fünf Jahren soll der Preis so steigen, dass es 3,8 Millionen Euro Belastung wären. Ab 2026 entspricht der CO2-Preis 20 Prozent unserer jährlichen Investitionen. Die sind nötig, damit wir technologisch Weltmarktspitze bleiben. Investiere ich nicht, wirtschafte ich ab. Unser Geld als Familie steckt in unserem Unternehmen. Wir reinvestieren in den Betrieb. 3,8 Millionen entsprechen 75 der aktuell 1500 Arbeitsplätze, die wir hier in Deutschland haben. Die kumulierte Belastung bis 2026 beträgt 15 Millionen Euro – und bis zum Jahr 2030 45 Millionen Euro. Unser Geschäft ist margenschwach. Innerhalb von nur drei bis vier Jahren könnten uns europäische Wettbewerber die Marktführerschaft abnehmen, wenn wir nicht weiter in unsere Technologie investieren." Man könne es sich nicht leisten, den Preis an die industriellen Kunden weiterzugeben. Für einen neuen Großauftrag und eine geplante Produktionserweiterung führt das Unternehmen "gerade Gespräche in Polen, um eine Ansiedlung dort zu prüfen. Die Ansprechpartner garantieren uns Rahmenbedingungen, die keinem nationalen Alleingang entsprechen und zumindest europäisch einheitlich sind." Laut Junius bleiben deutsche Unternehmen so nicht lange wettbewerbsfähig. "Es droht die Deindustrialisierung unseres Landes. Und andere Länder freuen sich" (Wirtschaftswoche 14.06.2021).

Risiko-Anzeige, Gründe: · Klimapolitik/CO2-Preis, Anz. betroffene Arbeitsplätze: 1.500

 

Hohe Strompreise

Lech-Stahlwerke produzieren nur noch tageweise

(11.03.2022) Die Lech-Stahlwerke verbrauchen so viel Strom wie ganz Augsburg. Der ist inzwischen so teuer, dass der Betrieb zeitweise in die Zwangspause geht. „Wir legen die Produktion tageweise still“, sagte ein Unternehmenssprecher. „Eine Produktion ist wirtschaftlich nicht sinnvoll.“ Die Strompreisentwicklung werde weiter genau verfolgt und dann darauf reagiert. Das Elektro-Stahlwerk produziert nach Unternehmensangaben jährlich über eine Millionen Tonnen des Werkstoffs. Inklusive Tochterunternehmen seien an dem Standort mehr als 1000 Mitarbeiter beschäftigt. Es ist das einzige Stahlwerk in Bayern. Das energieintensive Unternehmen kündigte an, die weitere Strompreisentwicklung zu beobachten (Handelsblatt 10.03.2022, Wirtschaftswoche 10.03.2022, SZ 11.03.2022)

Produktionseinschränkung, Gründe: · Energiepreise, Anz. betroffene Arbeitsplätze: 1.000

 

Letzter Standort in Deutschland schließt

Paul Hartmann AG verlagert Wundmanagement-Produktion nach Polen

(05.12.2021) Die Paul Hartmann AG schließt ihren letzten Produktionsstandort am Hauptsitz des Konzerns in Heidenheim. Die Wundmanagement-Produktion wird in Heidenheim schließen und bis Ende 2023 nach Polen verlagert. Das Unternehmen reagiert damit nach eigenen Angaben auf den steigenden Kostendruck im Gesundheitswesen, die Digitalisierung in der Gesundheitsbranche und der Ausbau der ambulanten Pflege. Am Standort Heidenheim sind rund 120 Arbeitsplätze von der Werksschließung betroffen (Heidenheimer Zeitung 05.12.2021, Paul Hartmann AG 02.08.2021).

Produktionsverlagerung, Gründe: · Sonstiges, Anz. betroffene Arbeitsplätze: 120

 

Stahl-Holding Saar

Die deutsche Stahlindustrie zieht es zu französischem Atomstrom

(26.08.2021) Die Zukunft der Stahlindustrie in Deutschland ist stark gefährdet. Das meint Karl-Ulrich Köhler, der Vorstandsvorsitzende der Stahl-Holding Saar (SHS), zu der die Dillinger Hütte und Saarstahl gehören. "Die Standortfrage wird sich in den kommenden Jahren stellen." Hintergrund sind die Klimaziele der Politik und die notwendige Umstellung der Produktion von Koks und Kohle auf eine strombasierte Metallurgie. Dabei kommen sogenannte Direktreduktionsanlagen und Elektrolichtbogenöfen zum Einsatz. "Diese Anlagen werden nicht zwingend in Deutschland stehen", so Köhler gegenüber der "Welt". Stattdessen ziehe die Produktion an Standorte, an denen CO2-freie Energie günstig und massenhaft verfügbar ist. Das Zeitfenster für die notwendigen politischen Weichenstellungen wird immer kleiner. Bislang gebe es auch erst Pilotanlagen für die neuen Techniken. Knackpunkt sei die Überführung der Testanlagen in den industriellen Maßstab. "Wir können nicht einfach den Schalter umlegen, den Hochofen abschalten, den Elektrolichtbogen anschalten und dann kommt am Ende CO2-freier Stahl heraus", sagte Köhler. Der Weg dorthin sei lang, teuer und komplex. Die Kapitalbasis der Stahlkonzerne werde in den kommenden Jahren durch den Emissionshandel und den steigenden CO2-Preis weiter belastet. "Das entzieht den Unternehmen Investitionsmittel, die dringend nötig sind", heißt es bei der Wirtschaftsvereinigung Stahl. Zudem könnten laut Köhler die Hochspannungsleitungen im Saarland heute nicht ohne Weiteres den Strom für den Betrieb von mehreren Hochleistungs-Elektroöfen bereitstellen. Von einer Infrastruktur für den Transport von Wasserstoff könne noch gar nicht gesprochen werden. Die Stahl-Holding Saar (SHS) orientiert sich daher in Richtung Ausland. So hat SHS kürzlich die Werke Ascoval und Rail Hayage in Frankreich vom Konkurrenten Liberty Steel übernommen. Ascoval solle Dreh- und Angelpunkt für die Produktion von grünem Stahl werden, heißt es in der entsprechenden Mitteilung. Der dortige Elektrolichtbogenofen ermögliche die Produktion von Spitzenstahl mit einer CO2-neutralen Bilanz. Der notwendige Strom kommt aus den französischen Atomkraftwerken. Für die gesamte Branche rechnet Köhler mit einer Reduzierung der Kapazitäten in Deutschland. Für den Industriestandort Deutschland wäre eine Abwanderung der Stahlindustrie ein schwerer Schlag. Immerhin spiele die Branche eine Schlüsselrolle für die industriellen Wertschöpfungsketten, nicht zuletzt, weil Kernbranchen wie Auto und Maschinenbau unmittelbar am Stahl hängen. "Wenn wir die Hochöfen verlieren, gehen auch in anderen Branchen viele Arbeitsplätze verloren", kündigte Köhler an. Die Politik Damit lege die Axt an die Wettbewerbsfähigkeit des Industriestandorts Deutschland (Welt 26.08.2021, Stahl-Holding Saar 05.08.2021).

Produktionsverlagerung, Gründe: · Energiemangel · Energiepreise · Klimapolitik/CO2-Preis

 

Hohe Strompreise

Hightech-Unternehmen Siltronic verlässt Deutschland

(23.02.2021) Der Münchener Chipzulieferer Siltronic steht vor dem Verkauf nach Asien. Siltronic-Chef Christoph von Plotho macht dafür unter anderem die hohen Energiekosten in Deutschland verantwortlich: "Durch den hohen Strompreis wird der Standort unattraktiv", sagte er im Gespräch mit dem Handelsblatt. Sein Unternehmen zahle am Standort Singapur "weniger als die Hälfte des Strompreises". Kostentreiber hierzulande sei vor allem die Umlage nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). Ein weiterer Faktor seien die vergleichsweise hohen Personalkosten in Deutschland. Das Unternehmen ist einer der Technologieführer in der Herstellung von Siliziumwafern. Am 26. Oktober 2021 begann der Bau der neuen Produktionsstätte im JTC Tampines Wafer Fab Park in Singapur (Handelsblatt 23.02.2021, Siltronic AG 26.10.2021).

Produktionsverlagerung, Gründe: · Energiepreise · Lohnkosten

 

Datenbank Deindustrialisierung

Ein Projekt der
Akademie Bergstraße
in Kooperation mit dem
Aktionskreis Energie und Naturschutz (AKEN) e.V. in Gründung

AKEN-Logo

Projekt-Team:
Dr. Titus Kretzschmar
Cornelia von Loga
Henrik Paulitz

 

In dieser Datenbank werden ausgewählte Fälle der sich abzeichnenden Deindustrialisierung Deutschlands erfasst.

Sie umfasst bislang
folgende Unternehmen:

C.D. Wälzholz GmbH & Co. KG
DMV Deutsche Metallveredlung GmbH
Ford-Werke GmbH
Lech-Stahlwerke GmbH
Linde plc
PAUL HARTMANN AG
Privatbrauerei Bischoff GmbH + Co. KG
ROT Rickert Oberflächentechnik e.K.
Siltronic AG
Stahl-Holding-Saar GmbH&Co.KGaA
TRIMET Aluminium SE
V&B Fliesen GmbH

Gesamtzahl der in dieser Auflistung betroffenen Arbeitsplätze:
12.410

 

Akademie Bergstraße

 

 

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Robert Jungnischke/Henrik Paulitz: Strom-Abschaltungen und Blackout-Risiko

Robert Jungnischke
Henrik Paulitz
Strom-Abschaltungen und Blackout-Risiko
Taschenbuch, Farbdruck
Akademie Bergstraße, 2020
1. Aufl. 2022

 

Henrik Paulitz: StromMangelWirtschaft

Henrik Paulitz
StromMangelWirtschaft
Taschenbuch, Farbdruck
Akademie Bergstraße, 2020
4. Aufl. 2021

 

Henrik Paulitz: Kriegsmacht Deutschland?

Henrik Paulitz
Kriegsmacht Deutschland?
Buch, DIN A4 Farbdruck
Akademie Bergstraße, 2018

 

Henrik Paulitz: Anleitung gegen den Krieg

Henrik Paulitz
Anleitung gegen den Krieg
Taschenbuch
Akademie Bergstraße, 2016
3. Aufl. 2019